Ihn halten, wenn er fällt

“Ich verbringe viel Zeit damit, ihm beim Schlafen zuzusehen. Es sind die einzigen Momente des Tages, an denen wir uns nicht belauern, uns nicht wie Indianer auf dem Kriegspfad benehmen oder versuchen, in die Worte des anderen etwas hineinzuinterpretieren, was gar nicht beabsichtigt gewesen ist. Ich setze mich dann auf den Stuhl neben dem Bett, lese in einem Buch oder in der Zeitung und versuche, ihn durch das Rascheln beim Umblättern nicht zu wecken. Manchmal starre ich ihn auch einfach nur an. Ich beobachte, wie sich sein Brustkorb regelmäßig hebt und senkt und wie er sich hin und her wälzt, um eine Stellung zu finden, bei der er keine Schmerzen hat. Sein Hausarzt, der jeden zweiten Tag kommt, hat schon mehrmals angeboten, ihm etwas gegen die Schmerzen oder zum Einschlafen zu geben, aber er will nicht. Früher hat er nicht mal Aspirin genommen.

Wenn er richtig tief schläft, weicht die Anspannung des Tages aus seinem Körper und sein Gesicht bekommt einen vollkommen friedlichen Ausdruck. Dann will ich ihn berühren, ihn wie früher in den Arm nehmen, ihm ins Ohr flüstern, dass alles wieder gut wird. Aber ich tue es nicht, weil ich mir sage, dass er seinen Schlaf braucht, dass ich ihn nicht unnötig wecken darf. Was mich wirklich davon abhält, ist der Zweifel, ob es nicht zu spät ist. Ich glaube nicht daran, dass alles wieder gut wird. Außerdem habe ich Angst vor dem, was er tun könnte, wenn er hört, was eigentlich passiert ist. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er die Wahrheit erfährt.”

Aus “Ihn halten, wenn er fällt”. Ein gutes Buch.

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